Losing my passport was the least of my worries, losing a notebook was a catastrophe. (Bruce Chatwin)
Mein Bruder Hajo hat mich die letzten Tage verwundert dabei beobachtet, wie ein schwarzes Notizbuch mein scheinbar ständiger Begleiter war. Immer wieder habe ich es aus meiner Tasche geholt und kurz etwas hineingeschrieben. Es ist ein Moleskine. Das Notizbuch der Intellektuellen und Künstler. Zumindest wird dies von dem Hersteller als solches angepriesen. Seit einigen Jahren sieht man diese schwarzen Kladden häufig auch in den Händen von Kreativen, Unternehmensberater, Journalisten aber auch von Studenten und Hausfrauen. Moleskine sind zum Kult, fast schon zum Fetisch-Objekt geworden.
Das Ernest Hemingway, Oscar Wilde, Vincent van Gogh oder Henri Matisse diese Moleskine nutzten, ist eine gut lancierte Legende, wie ich dem Tagesanzeiger am Montag auf der Rückreise aus der Schweiz entnahm.
Im 1987 erschienenen „Traumpfade“-Buch beschreibt er (Bruce Chatwin), solche Notizblöcke würden in einem Pariser Geschäft als „carnets moleskine“, Lederhefte, verkauft. Eine Italienerin wurde bei der Lektüre inspiriert, machte sich in Paris auf die Suche. Aber sie fand keine solchen Notizbücher.
Auch das Wirtschaftsmagazin brandeins machte sich auf die Suche nach den Ursprüngen der Moleskine-Hefte und ihrem jetzigen Erfolg. Heraus kam eine interessante Betrachtung über geschickte Produktentwicklung und -pflege. Der italienische ‘Erfinder’ Modo & Modo srl. hat mit der Wiederauflage der Moleskine ein Lehrbeispiel für perfektes Marketing hingelegt. Langezeit fand ich es absurd, für leere Notizbücher vergleichsweise viel Geld auszugeben und dann doch nichts hineinzuschreiben. Ein großer Literat bin ich nicht, kreative Ideen habe ich selten, Telefonnummern und Adressen speichere ich im Telefon und Termine hatte ich im Kopf. Ich hatte mein Leben scheinbar auch so ganz gut im Griff; wenn viel Anlag kam es auf kleine To-Do-Listen und wurde mehr oder weniger halbherzig abgearbeitet.
Nach der Knochenmarktransplantation veränderte sich dies schlagartig: ich hatte ein so genanntes Chemobrain – ich vergaß viele Dinge, konnte mich nicht konzentrieren und schien vor einem großen Chaos zu stehen. Mein Leben schien mir zu entgleiten.
Mir fiel eine alte Kollegin ein, die ihr Studium und Privatleben mit Hilfe eines Notizblockes organisierte: alles was erledigt werden musste – egal ob es Literaturrecherchen, Anrufe bei Freunden, Putzen, Kinobesuche oder der Wochenendeinkauf war – wurde in ihrem kleinen Notizblock notiert und stoisch später angegangen und die Zeile nach Erledigung durchgestrichen. Die abgearbeitete Seite wurde später einfach rausgerissen und weggeschmissen.
Außerdem erinnerte ich mich an meine kläglichen Versuche, mein Leben mit der ‘Getting Things Done‘-Methode (GTD) zu strukturieren. GTD ist eine Selbstorganisationmethode, die dem Anwender auferlegt, alle anstehenden Tätigkeiten in einem Verwaltungssystem zu notieren. Daraus entstehen dann kontextbezogene Aufgabenlisten für den Alltag. Der Anwender soll somit den Kopf frei haben für Wichtigeres, nämlich die konzentrierte Erledigung der Aufgaben, ohne befürchten zu müssen, etwas zu vergessen. Damit soll als hehres Ziel effizientes und belastungsfreies Arbeiten ermöglicht werden. Eine gute Einführung zum Thema findet sich im Produktivitätsblog imgriff.com.
Natürlich ist mit der Zeit auch ein Kult um GTD und seinen Erfinder David Allen entstanden. Es gibt Bücher, youtoube-Videos und diverse Software. Der geneigte Verwender kann sich durch tausende von Internetseiten lesen, Seminare besuchen oder Berater engagieren. Ebenso natürlich gibt es auch Kritik (1, 2): einige Stimmen bemängeln die Komplexität des Systems, den fast schon missionarischen Eifer Allens, das Verhalten der Verwender zu verändern oder auch schon die Tatsache, dass im WWW tausende von Seiten existieren, wie GTD auf die persönlichen Bedürfnisse angepasst wurde. Um ganz ehrlich zu sein: man kann vor lauter Selbstorganisation auch seine Arbeit nicht schaffen.
Schnell war mir klar, dass GTD in der Theorie ein hervorragendes System, in der praktischen Anwendung aber zu kompliziert ist. Ich habe so nach einer Lösung gesucht, die GTD vereinfacht und handhabbarer macht. Am besten gefallen hat mir Easton Bonds Modifizierung eines Moleskine Notizbuches.
Und ich habe es auch ein wenig abgeändert: bei mir gibt es neben den Kategorien „Eingang/Aktionen“, „Projekte“ und „Irgendwann“ auch noch „Warten“. Kommt mir irgendwas in den Sinn, was erledigt werden muss (und nicht sofort und auf der Stelle erledigt werden kann) wird es mit in der Abteilung „Eingang/Aktionen“ notiert. Sofern die Angelegenheit komplexer ist, noch unklar ist, weitere Informationen benötigt, wird daraus ein „Projekt“ auf einer eigenen Seite in der zweiten Abteilung. Sofern es derzeit keine Erledigung bedarf, für kein Projekt relevant ist, ich es aber nicht aus den Augen verlieren möchte, wird es unter „Irgendwann“ aufgeschrieben. Ausserdem werden alle Einträge in der Kategorie Eingang/Aktionen, wo ich auf Rückmeldungen von Dritten warte auch noch in der Kategorie „Warten“ aufgelistet. Wenn irgendwas erledigt, abgearbeitet oder beendet ist, wird es durchgestrichen.
Anmerkung: Weil mein Notizbuch sehr persönlich ist und ich daraus nichts preisgeben mag, habe ich Fotos von Easton Bond zur Illustration dieser Seite genutzt; die Fotos stehen unter der Creative Commons Lizenz.


1 comment
Comments feed for this article
23. April 2009 um 12:33
Jörn Meyer
Kleiner Nachtrag
Tipps zu Moleskines und GTD finden sich hier:
The Monster Collection of Moleskine Tips, Tricks and Hacks