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Weihnachten ist überstanden und ich verbringe die Tage zwischen den Festtagen in Frankfurt. Mein Freund muss arbeiten und so habe ich genügend Zeit, in diversen Internet-Foren mich auf die Suche nach Jobs zu machen. Es ist schier unglaublich, was für obskure Anzeigen dort finden sind.

Die Überschrift des folgenden Inserats hat mich sofort meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt:

Du bist Blogger aus Leidenschaft ?

Du bist Blogger aus Leidenschaft ? Das Internet ist dein „zweites Wohnzimmer“ ? Und hast Lust ernsthaft an einem interessanten Web-Projekt (hier geht es nicht um Schwänze, Ärsche, Fetisch, Ficken oder Sex) mitzuwirken. Dann mald dich einfach mal.

Blogger aus Leidenschaft bin ich. Aber was könnte es an interessanten Web-Projekten geben, die sich nicht mit den primären Geschlechtsorganen und dem Verkehr selbiger beschäftigen?

Meine Kernkompetenzen, bzw. die Kompetenzen, die ich im Studium erworben haben, werden scheinbar eher von dieser Anzeige abgefragt:

FFM/Überall – Rechtsanwalt gesucht

Wir suchen die Kooperation mit einem Rechtsanwalt für die Abrechung von Beratungsscheinen bei Privatinsolvenz – bundesweit – Näheres per mail und Fon.

Das wäre eigentlich der ideale Job für mich: ich müsste nur meine Stempel herausholen und mit dem fetten Montblanc-Kugelschreiber Kostennoten abzeichnen. Aber Vorsicht: würde ich dann nicht vorgeben, das Privatinsolvenzverfahren (bzw. die Beratung darüber) selbst durchgeführt zu haben? Würde ich da nicht unter Umständen einen Betrug eingehen?

Vielleicht sollte ich daher eher auf diese Anzeige antworten:

Gewinnrealisierung mit dir!

Wer möchte mit mir gemeinsam Lohnendes unternehmen? Meine gemachten Untersuchungen im Bereich Glück und Erfolg auf einem besonderen Gebiet zeigten mir, dass es noch ganz andere, und zwar mehr lohnende Spekulationsmöglichkeiten gibt, als heutzutage an der Börse…. Mein Wissen darüber gebe ich gerne in privaten Unterrichtsstunden an einen interessierten jungen Mann weiter. Voraussetzung: du verfügst über finanzielle Mittel, die du mit einem netten Herrn Ende der Fünfziger Jahre am Roulettetisch vermehren möchtest. Wenn du zwischen 18 und 35 Jahre alt bist, eine attraktive und gepflegte Erscheinung hast, dann setze dich mit mir in Verbindung. Wir könnten das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und noch viele schöne Casinos in Europa besuchen. Wenn wirklich Interesse besteht, freue ich mich auf deine Kontaktaufnahme.

Nur muss ich mich ranhalten: mit 35 falle ich bald aus dem gesuchten Alter heraus. Aber handelt es sich nicht vielleicht um eine unerlaubte Diskriminierung im Sinne des AGG? Da könnte ich doch zumindest mal ordentlich Schadensersatz draus schlagen, wenn ich nicht genommen werd.

Dieses Wochenende waren wir bei Freunden zum Advents-Kaffee-Bier unter dem Weihnukka-Baum eingeladen: Einer von Ihnen ist Jude, der andere Christ und so wird kurzerhand der Baum mit Lichterketten und David-Sternen dekoriert. So können praktischer Weise das jüdische Chanukka und das christliche Weihnachten mit einer Dekoration gefeiert werden.
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Ich hatte übrigens die ehrenvolle Aufgabe, dem Jahresende angepasste Geschichten vorzutragen. Unsere Kopfbedeckungen sind übrigens ordinäre Weihnachtsmützen und keine Chanukka-Kipas.

Ein wenig Unterhaltung:

Heute habe ich beim Schreiben von Weihnachtskarten ein bisschen schöne Musik gelauscht: „Die Interessanten (Singles 1992-2004)“ von der Hamburger Band „Die Sterne„. Dabei ist mir die eine oder andere Textzeile aufgefallen, die mich kurz innehalten ließen:

Man denkt ja immer nur an seine Zukunft. Und wenn es kracht, schaut die Zukunft nur zurück und sagt: ich hab doch gar nichts gemacht. (Abstrakt, 1997)

Scheinbar kann ich mit den Liedern von den Sternen mein Leben erklären. Da biegt man einmal falsch ab, kauft keine Milch im Supermarkt und hat eine ätzende hämatologische Erkrankung am Hals. Tatsächlich implodierte im Jahr 2008 mein bisheriges Leben und die bisherigen Grundfesten wurden mir unter den Füßen weggezogen. Einfach so, ohne Vorwarnung.

Aber sollte ich deshalb Trübsal blasen? Mein jetziger Zustand ist nach der Knochenmarktransplantation deutlich besser als noch vor einigen Monaten, wenn nicht gar Jahren. Mit einem Hb von 13 lässt es sich schon besser leben und die Nebenfolgen der KMT sind scheinbar auch im Griff. Die akute GvHD ist eigentlich weg und die Medikamente werden deutlich reduziert – es geht aufwärts:

Ich bin auf den Beinen, ich hab keine Schmerzen. Ich bin bei Verstand, ich hab nichts mit dem Herzen. Ich kann mich bewegen, ich muss mich nicht quälen, und ich kann eins und eins zusammenzählen. (Wahr Ist Was Wahr Ist, 2002)

Ja, Denken kann ich auch wieder. Meine Eltern meinen, ich wäre wieder aufsässig und mein Freund hat wieder Angst, sich mit mir zu streiten, da ich meine Scharfzüngigkeit zurückerlangt hätte.

Eigentlich sollte ich mir ‘mal Gedanken machen, wie es mit mir weitergehen soll. Bloggen allein macht nicht glücklich. Für den Strich bin ich zu alt, für die Rente zu jung und Hartz IV ist mir zu anstrengend, wenn ich tatsächlich mein Glück als Rattenfänger versuchen soll. Das Lamentieren über die aktuelle Wirtschaftskrise bringt auch nichts – wer glaubt denn noch, dass der DAX in unserer Leben über 10.000 steigt?

Es hat keinen Sinn, zu warten bis es besser wird. Das bißchen besser wär das Warten nicht wert. (Das bißchen besser, 1999).

Also werde ich im neuen Jahr:

  1. die Ärzte befragen, wann ich wieder arbeitsfähig sein werde,
  2. das Arbeitsamt die Arbeitsagentur befragen, wie sie mich beim beruflichen Wiedereinstieg unterstützen kann,
  3. meine Krankenkasse behutsam darauf vorbereiten, dass ich gerne eine Reha hätte.

Aber bis dahin kann ich noch etwas Hamburger ‘Schrabbelmusik’ statt Weihnachtsliedern hören.

Ich war die letzten Tage in Frankfurt und habe meinen Eltern ‘die’ lokale Weihnachtsspezialität mitgebracht: Bethmännchen. Es war ehrlich gesagt gar nicht so einfach, diese Mitte Dezember in Frankfurt aufzutreiben. Die Bäckerei unseres Vertrauens war ausverkauft und erst in der dritten Filiale von Frankfurts Offenbachs Antwort auf Kamps konnte ich das begehrte Zuckergebäck erstehen.

Bethmännchen - Astrid Walter/Flickr

Astrid Walter/Flickr

Die weitläufige Vorstellung, dass der Marzipankonfekt seinen Namen von betenden Kinderhänden erhalten habe, stimmt wohl nur zum Teil. Der Legende nach sollen die Bethmännchen im Jahr 1838 von dem Pariser Konditor Jean Jacques Gautenier erfunden worden sein. Dieser war seinerzeit Küchenchef im Hause des Bankiers und Ratsherrn Simon Moritz von Bethmann. Er soll die Marzipankugeln Ursprünglich mit vier Mandelhälften bestückt haben: eine für jeden der vier Söhne seines Arbeitgebers. Nach dem Tode eines Sohnes im Jahr 1845 sei fortan eine Mandelhälfte weggelassen worden. Aber auch diese Geschichte erscheint zweifelhaft, denn Simon Moritz von Bethmann starb schon 1826.

Die von mir erstandene ‘Frankfurter Spezialität’ wurde übrigens von der ‘Wiener Feinbäckerei’ in Hoyerswerda produziert. Sie schmecken dennoch hervorragend.