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Eine Wesenseigenschaft die man mit einer onko-/hämatologischen Erkrankung trainiert ist die Geduld.

Das UKE hat sich noch nicht zu einer endgültigen Diagnose durchringen können. Eine PNH scheint gesichert, eine schwere aplastische Anämie möglich aber auch ein MDS ist denkbar. Da innerhalb der nächsten zwei Wochen keine Ergebnisse vorliegen werden, habe ich mich wieder auf den Rückweg nach Frankfurt gemacht. In der Zwischenzeit können die Ärzte meine Blutwerte und Knochenmark-Biopsien von allen Seiten betrachten und diskutieren. Ich befürchte fast, dass die Zweifel nicht auszuräumen sind und irgendwann einfach eine Krankheit festgelegt wird. Aber gut ist: es ist sicher keine Leukämie (Sorry, aber dieser running gag musste sein).

Was so nervenaufreibend dabei ist, ist nicht die Ungewissheit der Diagnose sondern das Warten an sich. Als Patient wartet man immer auf irgendetwas: das Gespräch mit dem Arzt, die aktuellen Blutwerte, die Diagnose, die bestrahlten Transfusionen, die Chemotherapie. Im Zweifel, dass man das Krankenhaus verlassen darf.

Aber warum sollte es mir damit besser gehen als anderen Patienten. Volker hatte sich darauf eingerichtet, ab dem 1. Juli eine Reha zu machen. Ein uneindeutiger CT-Scan hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht: sein Lymphom ist durch die Chemotherapie statt auf 2,5 cm lediglich auf 2,7 cm heruntergebrutzelt worden. Jetzt stehen weitere Untersuchungen an – bis dann entschieden werden kann, ob eine weitere Behandlung notwendig ist. Somit wird es noch einige Wochen dauern, bis er sich in die Abgeschiedenheit eines hessischen Kurortes zur Wiederherstellung seiner Arbeitsfähigkeit begeben darf. Oder eine Bestrahlung bevorsteht. Oder eine Hochdosis-Chemotherapie. Oder beides.

Hierzu fällt mir immer die Situation der Todeskandidaten im japanischen Strafvollzug ein. Nach ihrer rechtskräftigen Verurteilung verbringen diese Ihr restliches Leben in Einzelhaft. Ihnen wird nicht mitgeteilt, ob und wann das Urteil vollstreckt wird. Stattdessen sollen sie lernen, die Situation für sich und ihren Tod anzunehmen. Eines Morgens werden sie aus ihrer Zelle geholt und zur Hinrichtung abgeholt. Anschließend werden ihre Angehörigen benachrichtigt, dass der Leichnam abgeholt werden kann. Wie es zu dieser unmenschlichen Praxis gekommen ist, kann ich – aus meiner westlichen Perspektive – nicht nachvollziehen. Ich vermute, es hängt mit dem konfuzianischen Buddhismus zusammen.

Natürlich ist diese Situation nicht wirklich vergleichbar mit der von Krebspatienten. Kein Arzt spielt sich als Henker auf, die nervenaufreibende Ungewissheit ist sicherlich nicht beabsichtigt und Ziel ist nicht das Annehmen des Todes sondern die Bekämpfung einer tödlichen Krankheit.

Aber ein bisschen weniger Warten wäre auch ganz schön.