Ein Kuss ist das, was von der Sprache des Paradieses übrig geblieben ist.
(Joseph Conrad)
Der 17. Mai. Eigentlich kein besonderer Tag. Geschichtsträchtiges fällt einem da an und für sich nicht ein.
- In Deutschland wurde früher der 17.5. in Anspielung auf den § 175 StGB ironisch als „Feiertag der Schwulen” bezeichnet. Zur Erinnerung: Diese Vorschrift des Strafgesetzbuches stellte männliche Homosexualität unter Strafe, wurde 1935 verschärft, 1969 ein wenig liberalisiert und erst 1994 endgültig abgeschafft.
- Symbolisch wurden am 17. Mai 2002 die auf Grund des § 175 StGB zwischen 1935 und 1945 ergangenen Urteile für nichtig erklärt.
- Darüber hinaus hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 17. Mai 1990 Homosexualität aus ihrer Liste psychischer Krankheiten (ICD-Code) gestrichen.
- Außerdem hat Massachusetts als erster US-Bundesstaat am 17. Mai 2004 die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt.
Also doch ein denkwürdiger Tag. Deshalb haben weltweit Schwulen und Lesbengruppen den 17. Mai zum Tag gegen Homophobie erklärt. In Berlin wird dieser Tag romantisch und öffentlichkeitswirksam angegangen: unter dem Motto ‚protect every kiss‘ wird es an verschiedenen Orten der Stadt einen Kuss-Marathon geben.
Der Veranstalter dieses Events, das Berliner schwule Anti-Gewalt-Projekt MANEO, begründet diese verführerisch-politische Aktion so: “Schwule und Lesben, die sich in der Öffentlichkeit küssen, sind immer wieder Zielscheibe von Beleidigung, Bedrohung und körperlichen Angriffen. Dies wollen wir nicht akzeptieren. Der Kuss drückt Liebe und Zuneigung aus. Wir rufen dazu auf, den Kuss zu schützen, und ein deutliches Zeichen gegen Homophobie und Hassgewalt zu setzen.”
Auch wenn jeder noch so aufgeklärte Deutscher versichert, er hätte keinen Probleme mit Schwulen und Lesben, gerät mancher ihretwegen dann doch in ‚Schwulitäten‘. So auch Wilson Gonzales Ochsenknecht (Sohn von Uwe Ochsenknecht und auch selber Schauspieler). Der hat zwar viele schwule Freunde, kann sich aber nicht mit ansehen,
wie ein schwuler Freund seinem Partner einen Zungenkuss gibt. Das wäre so, als würde ich dabei sein, wenn meine Mama meinem Papa einen Zungenkuss gibt. Da habe ich auch immer ein ungutes Gefühl.
Da möchte man sich gar nicht vorstellen, was Mama und Papa Ochsenknecht vor ihren Kindern so getrieben haben. Das ganze Interview kann man in der aktuellen FRONT nachlesen.
Der Blog Gaywest bemerkt treffend, dass die landläufige Ansicht, „dass es den Leuten eher egal geworden ist, ob jemand schwul, lesbisch oder heterosexuell ist” offensichtlich nur mit Ausnahme von ihm gilt.
So kann man den Küssenden von Berlin nur viel Erfolg wünschen.
Ein Kuss klingt nicht so laut wie eine Kanone. Aber das Echo lebt länger.
(Oliver Wendell Holmes)
Kleiner Nachtrag: Maneo ist in der linken (schwulen) Szene auch für einen ‘penetranten Rassismus‘ bekannt. Kritisch beäugt Frau Herr Janssen den Verein in ihrem seinem Blog. Einen kritischen Bericht zur Arbeit von Maneo gibt es auch hier. Andere Kritik kann man in Nobbis Blog lesen. Oder in diesem Artikel aus der ‘Jungen Welt‘. Hmm … vielleicht hätte ich mir doch ein anderes Thema heute vornehmen sollen. Oder besser noch, ich werde über das Thema Schwule, Homophobie, Hassgewalt und Rassismus noch mal sinnieren und in einem weiteren Eintrag wieder aufgreifen.
Ich danke Ssikai für die Inspiration für diesen Eintrag. Die Fotos der küssenden Männer entstammen dem Fotostream von K-1000 und sind durch die Creative Commons Lizenz geschützt.



8 comments
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16. Mai 2008 um 18:21
ondamaris
maneo und insgesamt mann-o-meter wird nicht nur in der linken szene kritisch beäugt … da lohnen viele viele kritische blicke und fragen …
16. Mai 2008 um 19:49
Damien
Worin soll denn der “Rassismus” von Maneo bestehen? Darin, dass sie die Nationalität von Tätern nicht verschweigen?
17. Mai 2008 um 6:28
Brian
Wo in meinem Blog hast du eine “Frau Janssen” gefunden? Merkwürdig…
17. Mai 2008 um 17:38
Jörn Christian Meyer
@ 3 Brian:
Herr Janßen und ich haben meinen Fauxpas per E-Mail klären können.
@ 2 Damien:
Ich wollte auf die Kritik gegenüber dem Veranstalter dieser Aktion hinweisen, sie mir aber nicht zu eigen machen.
Homophobie ist alltäglich und vielfältig: Es kann eine ‚einfache’ Beleidigung sein, wie es einem Blogger in meiner Frankfurter Nachbarschaft widerfuhr, sie kann aber auch pure Gewalt sein, wie man letztens im GayDating-Blog lesen musste.
Grundsätzlich ist es wichtig auf diese schwulenfeindlichen Straftaten hinzuweisen und sie auch als solche zu benennen – nur so kann in der Öffentlichkeit eine ausreichende Aufmerksamkeit erzielen um genügend Mittel für Prävention zur Verfügung zu stellen.
Genauso wichtig ist es, die Täter zu benennen: die Prävention muss auf Täterseite anfangen, um weitere Straftaten zu verhindern. Nicht die Schwulen müssen ihr Verhalten anpassen, sondern die Täter ihr Verhalten ändern.
Aber wer sind die Täter:
Aus den vergangenen Jahren gibt es Untersuchungen, die Straftaten gegen Schwule und Lesben analysierten, aber leider nicht so aufschlussreich sind.
Einige – so z.B. Jan Federsen – haben sich des Thema schon vor fünf Jahren angenommen: Was guckst du? Bist du schwul? und weiter kontinuierlich darüber berichtet: Wer ist hier -phob?
Also was denn nun? Um es Ist gaybashing jetzt ein Hobby von türkischen Jugendlichen oder nicht?
Auf meinen Radar ist das Thema mit der Debatte um das Café PositHiv gekommen, das wegen gewalttätiger Übergriffe von Jugendlichen, die als ausländisch gelten, seinen Standort in Schöneberg-Nord aufgegeben hat.
Das wirklich überraschende an der ganzen Sache: ich habe mir die Umfrage Berichte heruntergeladen und dabei über die Täter folgendes gelesen:
In einer ‚Presseerklärung‘ wird aus diesem weiteren wissenschaftlichen Untersuchungsbedarf dann eine Feststellung:
Das finde ich seltsam … Ich habe das Gefühl, dass aus einem unzureichenden Datenmaterial (hohe Dunkelziffer!) voreilig Rückschlüsse gezogen und diese dann inhaltlich verkürzt in die Welt entlassen werden – und werden schnell zu einem Vorurteil.
18. Mai 2008 um 12:40
Damien
Der letzte Satz, den Du von Maneo zitierst, ist natürlich Unsinn. Es gibt nicht hier die Schwulen, da die Migranten, weder als Nebeneinander noch als Gegeneinander. Es gibt schwule Migranten und das ist das erste Argument gegen eine solche Verkürzung.
Zum anderen geht es um bestimmte Migranten, die häufig durch Schwulenfeindlichkeit auffallen. Skandinavier, Amerikaner und Asiaten gehören wohl nicht dazu. Mir geht das um den heißen Brei herum reden auf den Wecker.
Wenn man durch Berlin-Schöneberg läuft oder Hamburg-St. Georg, sind es eben die Jugendlichen mit türkischem oder arabischem Hintergrund, die Schwule verhöhnen und angreifen.
Natürlich sind es in Berlin-Lichtenberg die deutschen Nazis, die Schwulen das Leben schwer machen. Für die und ihre Schwulenfeindlichkeit hat allerdings in der Regel keiner Verständnis – zu Recht.
Dasselbe sollte auch für Kemal in Kreuzberg und Ali in Schöneberg gelten.
Zu der Idee, diese Jugendlichen könnten nicht anders, hat Necla Kelek auf einer Diskussion im Berliner Mann-O-Meter das Nötige gesagt: Wer diesen Jugendlichen die Möglichkeit zur Veränderung abspricht, der ist der wahre Rassist. Es gibt keinen Grund, schwulenfeindliche Äußerungen und Taten zu entschuldigen, bei niemand.
19. Mai 2008 um 14:54
Jörn Christian Meyer
@5 Damien
Dann liegen wir mit unserer Meinung ja gar nicht weit auseinander. Ich möchte, dass sowohl Täter als auch Opfer benannt werden. Wenn an einigen Orten eine bestimmte Tätergruppe dominiert, muss dies auch so gesagt werden.Nur unzureichendes Material zu Verallgemeinern und eine Gruppe als alles dominierende Tätergruppe darzustellen – da stößt es mir sauer auf.
31. Mai 2008 um 14:19
Zoe
eine wirklich gute – und auch medienwirksame Aktion. Aber traurig, dass es diesen Tag überhaupt geben muss… Mir ist Stonewall da irgendwie lieber, denn das war ein selbstbestimmter Ruck und kein Tag, der durch andere bestimmt wurde. in diesem Fall die WHO
10. Juni 2008 um 23:37
Brian
“Wenn an einigen Orten eine bestimmte Tätergruppe dominiert, muss dies auch so gesagt werden.”
Genau: Am Überfall auf Drag Kings, die von einer Veranstaltung im SO 36 kamen, waren die Insassen eines Autos beteiligt, das einen Aufkleber der grauen Wölfe trug. So einfach ist das alles nicht!!! Faschos gibt es auch in der Türkei. Das den “Migranten” vorzuwerfen, ist der falsche Weg. Wichtig ist, allen faschistischen, rassistischen etc. Weltanschauungen offensiv entgegenzutreten, egal was für einen Pass derjenige hat. Bei Lamda Istanbul, das geschlossen werden soll, geht es um ein Projekt von Schwulen/Lesben/Transsexuellen in der Türkei. Vor der Botschaft in Berlin haben Menschen verschiedener Nationalität, verschiedener (oder keiner) Religion miteinander demonstriert. Wenn es eine Gruppe als Tätergruppe gibt, sind das Faschisten, Neonazis, Rassisten – ob deutsch oder türkisch ist egal. Denen müssen wir entgegentreten, ohne in irgendwelche Arten von Antiislamismus oder simplen Ausländerhass zu verfallen.