Der gestrige Ausflug in die Klinik war überraschend: die Blutwerte waren gar nicht so schlecht – obwohl ich mich das ganze Wochenende schlapp fühlte und ein echter Sesselpupser war. Die Werte im Detail, in Klammern der Referenzbereich und die Funktion des jeweiligen Blutbestandteils.
- Leukozyten 1.69/nl (4.0 – 9.4, Abwehr von Krankheitserregern)
- Erythrozyten 1.92/pl (4.6 – 6.2, Transport von Sauerstoff)
- Hämoglobin 6.2 g/dl (14.0 – 18.0, Sauerstoffbindung)
- Hämatokrit 18.8 % (40.0 – 54.0, Anteil der roten Blutkörperchen am Blut)
- Thrombozyten 16/nl (140 – 440, Blutgerinnung)
- Neutrophilenzahl 0.65/nl (1.92 – 6.17, Immunabwehr)
Sicher, das sind keine Traumwerte und deutlich vom ‘gesunden’ Normalbereich entfernt, aber es gab dann doch keine Transfusion. Denn was ist schon normal bei einer PNH mit Aplastischer Anämie?
Auf besonderen Wunsch einer regelmäßigen Leserin, die ‘meine Ausführungen manchmal etwas schräg findet und sie dann nicht kommentieren möchte’, eine paar Informationen, warum ich kein Transfusionen erhalte:
Patienten mit chronischen Anämien (wie ich) sind meistens ausreichend an diese niedrigen Werte adaptiert, d.h. unsere Körper haben sich über längeren Zeit daran gewöhnt, auf so niedriger Flamme zu arbeiten. Das ich mich so schlapp fühle kann auch andere Ursachen, z.B. eine unerkannte Infektion oder halt ‘nur’ Fatigue, haben.
Aber es gibt noch eine handfesten Grund gegen Transfusionen: Je mehr Blut ich erhalte, umso schwieriger wird eine mögliche Knochenmarktransplantation. Etwas vereinfach, kann man das so erklären:
- Bei einer späteren Knochenmarktransplantation würden meine Stammzellen und mein bisheriges Immunsystem mit einer Hochdosis-Chemotherapie zerstört werden.
- Anschließend bekäme ich fremde Stammzellen, aus denen sich ein neues Immunsystem entwickeln würde.
- Zu der Komplikation Graft-versus-Host-Reaktion (oder zu deutsch Transplantat-Wirt-Reaktion) käme es, wenn dieses neue Immunsystem zu arbeiten anfinge und meinen Körper (den neuen ‘Wirt’) als fremd ansähe. Dann könnte es zu einer massiven Graft-versus-Host-Reaktion kommen, die den Körper entzündlich schädigen und auch zerstören könnte.
Daher wird bei einer Knochenmarktransplantation immer versucht, Spender und Empfänger mit möglichst identischen Gewebemerkmalen zu finden.
Mit jeder Bluttransfusionen die ich erhalte, sensibilisiert sich mein Körper mehr und mehr gegen die fremden Antikörper von den fremden Spendern. Das hat zur Folge, dass je mehr Bluttransfusionen ich jetzt erhalte, eine Graft-versus-Host-Reaktion nach einer Knochenmarktransplantation immer heftiger wird.
Entsprechend merken die ‚Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten’ der Bundesärztekammer auch an:
Patienten mit einer chronischen Anämie infolge primärer oder sekundärer Knochenmarkinsuffizienz sollten grundsätzlich so wenig wie möglich transfundiert werden, insbesondere wenn eine spätere Knochemarktransplantation möglich erscheint.
Und weil es gerade so schön medizinisch ist: Vollkommen unabhängig von den Komplikationen einer KMT gibt auch noch die Transfusion-Assoziierte Graft-Versus-Host Reaktion. Hierbei greifen die vermehrungsfähigen, fremden weißen Blutkörperchen aus der Transfusion den Empfängerorganismus an. Aber keine Panik: das Risiko besteht eigentlich nur bei immungeschwächten Patienten wie mich, ist sehr klein (es fällt nur bei 0,15 % aller Transfusionen an) und kann effektiv durch die Bestrahlung der Blutprodukte reduziert werden (mit mindestens 30 Gray).
Und wer sich jetzt noch fragt was es mit dem Bild über diesem Absatz auf sich hat: das ist ein Humanes-Herpes-Virus 5, das weit verbreitet ist. Bei der Erstinfektion bei 99 % aller Patienten verläuft die Infektion vollkommen problemlos und meist auch symptomfrei. Bei immungeschwächten Patienten (Krebs, HIV, etc.) kann eine neue oder wiederaufflammende CMV-Infektion schwer wiegende Folgen wie Lungenentzündung, Thrombozytopenie oder Entzündungen des Herzmuskels haben. Und nun ratet mal, wer zu den 25 % der Deutschen gehört, die nicht mit dem CM-Virus infiziert sind! Ja, ich darf vor jeder Transfusion noch mal persönlich überprüfen, ob man mir CMV-negatives Blut anhängt.
Anmerkung: Bild Blutbad © Maurus Völkl/Pixelio



2 comments
Comments feed for this article
15. Mai 2008 um 8:05
Michaela
Hallo Jörn,
das ist ja lustig(?!) – Ich gehöre auch zu der CMV-negativ Fraktion und brauchte extra einen Spender der auch CMV-negativ ist. – Das hat die Sache schwierig gestaltet.
Ja, ja… an was wir uns alles so gewöhnen. Wir leben selbst mit so geringen Blutwerten und lassen uns davon nicht unter kriegen.
Wird bei dir bereits nach einem Spender gesucht oder möchte man noch abwarten?
Alles liebe
Michaela
15. Mai 2008 um 8:26
Jörn Christian Meyer
@1 Michaela
Moin,
im Moment haben die behandelnden Ärzte die Hoffnung, dass sich das mit der Chemo allein wieder einrenkt. Mein Arzt hat mir aber auch ans Herz gelegt, mal in Ulm bei den Experten die ‘Therapieoptionen zu’ besprechen. Ein Spender wird daher zZ. nicht gesucht.
Einen sonnigen Tag wünscht,
Jörn