You are currently browsing the daily archive for Mai 14th, 2008.

Der gestrige Ausflug in die Klinik war überraschend: die Blutwerte waren gar nicht so schlecht – obwohl ich mich das ganze Wochenende schlapp fühlte und ein echter Sesselpupser war. Die Werte im Detail, in Klammern der Referenzbereich und die Funktion des jeweiligen Blutbestandteils.

  • Leukozyten 1.69/nl (4.0 – 9.4, Abwehr von Krankheitserregern)
  • Erythrozyten 1.92/pl (4.6 – 6.2, Transport von Sauerstoff)
  • Hämoglobin 6.2 g/dl (14.0 – 18.0, Sauerstoffbindung)
  • Hämatokrit 18.8 % (40.0 – 54.0, Anteil der roten Blutkörperchen am Blut)
  • Thrombozyten 16/nl (140 – 440, Blutgerinnung)
  • Neutrophilenzahl 0.65/nl (1.92 – 6.17, Immunabwehr)

Sicher, das sind keine Traumwerte und deutlich vom ‘gesunden’ Normalbereich entfernt, aber es gab dann doch keine Transfusion. Denn was ist schon normal bei einer PNH mit Aplastischer Anämie?

Blick in eine Blutbahn

Auf besonderen Wunsch einer regelmäßigen Leserin, die ‘meine Ausführungen manchmal etwas schräg findet und sie dann nicht kommentieren möchte’, eine paar Informationen, warum ich kein Transfusionen erhalte:

Patienten mit chronischen Anämien (wie ich) sind meistens ausreichend an diese niedrigen Werte adaptiert, d.h. unsere Körper haben sich über längeren Zeit daran gewöhnt, auf so niedriger Flamme zu arbeiten. Das ich mich so schlapp fühle kann auch andere Ursachen, z.B. eine unerkannte Infektion oder halt ‘nur’ Fatigue, haben.

Aber es gibt noch eine handfesten Grund gegen Transfusionen: Je mehr Blut ich erhalte, umso schwieriger wird eine mögliche Knochenmarktransplantation. Etwas vereinfach, kann man das so erklären:

  1. Bei einer späteren Knochenmarktransplantation würden meine Stammzellen und mein bisheriges Immunsystem mit einer Hochdosis-Chemotherapie zerstört werden.
  2. Anschließend bekäme ich fremde Stammzellen, aus denen sich ein neues Immunsystem entwickeln würde.
  3. Zu der Komplikation Graft-versus-Host-Reaktion (oder zu deutsch Transplantat-Wirt-Reaktion) käme es, wenn dieses neue Immunsystem zu arbeiten anfinge und meinen Körper (den neuen ‘Wirt’) als fremd ansähe. Dann könnte es zu einer massiven Graft-versus-Host-Reaktion kommen, die den Körper entzündlich schädigen und auch zerstören könnte.

Daher wird bei einer Knochenmarktransplantation immer versucht, Spender und Empfänger mit möglichst identischen Gewebemerkmalen zu finden.

Mit jeder Bluttransfusionen die ich erhalte, sensibilisiert sich mein Körper mehr und mehr gegen die fremden Antikörper von den fremden Spendern. Das hat zur Folge, dass je mehr Bluttransfusionen ich jetzt erhalte, eine Graft-versus-Host-Reaktion nach einer Knochenmarktransplantation immer heftiger wird.

Entsprechend merken die ‚Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten’ der Bundesärztekammer auch an:

Patienten mit einer chronischen Anämie infolge primärer oder sekundärer Knochenmarkinsuffizienz sollten grundsätzlich so wenig wie möglich transfundiert werden, insbesondere wenn eine spätere Knochemarktransplantation möglich erscheint.

Und weil es gerade so schön medizinisch ist: Vollkommen unabhängig von den Komplikationen einer KMT gibt auch noch die Transfusion-Assoziierte Graft-Versus-Host Reaktion. Hierbei greifen die vermehrungsfähigen, fremden weißen Blutkörperchen aus der Transfusion den Empfängerorganismus an. Aber keine Panik: das Risiko besteht eigentlich nur bei immungeschwächten Patienten wie mich, ist sehr klein (es fällt nur bei 0,15 % aller Transfusionen an) und kann effektiv durch die Bestrahlung der Blutprodukte reduziert werden (mit mindestens 30 Gray).

Zytomegalievirus

Und wer sich jetzt noch fragt was es mit dem Bild über diesem Absatz auf sich hat: das ist ein Humanes-Herpes-Virus 5, das weit verbreitet ist. Bei der Erstinfektion bei 99 % aller Patienten verläuft die Infektion vollkommen problemlos und meist auch symptomfrei. Bei immungeschwächten Patienten (Krebs, HIV, etc.) kann eine neue oder wiederaufflammende CMV-Infektion schwer wiegende Folgen wie Lungenentzündung, Thrombozytopenie oder Entzündungen des Herzmuskels haben. Und nun ratet mal, wer zu den 25 % der Deutschen gehört, die nicht mit dem CM-Virus infiziert sind! Ja, ich darf vor jeder Transfusion noch mal persönlich überprüfen, ob man mir CMV-negatives Blut anhängt.

Anmerkung: Bild Blutbad © Maurus Völkl/Pixelio

In der gestrigen FAZ ist eine hübsch zu lesende Kritik von Michael Köhler über das Konzert der „Königin des Pop“.

Die Sonne geht auf. Kylie Minogue schwebt zum Auftakt ihres Gastspiels in der Frankfurter Festhalle majestätisch langsam auf die Bühne. Sie taucht aus dichten Nebelschwaden auf. In einem von flackernden Leuchtsträngen durchzogenen goldenen Reifen. Wie eine feenhafte Lichtgestalt aus einem Märchen. (…) Eine in Lack, Leder und Latex gekleidete Schar Tänzer männlichen und weiblichen Geschlechts umgarnt lasziv die unnahbare Diva: simulierter Fetisch-Sex, Szenen am Rand zum Tabubruch.

Wer jetzt gedacht hätte, der Artikel würde sich auch noch mit den Songs der Australierin beschäftigen oder gar dem künstlerischen Heranreifen eines Soap-Stars zur Pop-Ikone, irrt. Stattdessen wird ausführlich über die von Jean-Paul Gaultier gefertigten Kostüme, das aufwendige Bühnenbild und ihre Tänzer – männlichen und weiblichen Geschlechts’ – berichtet.

Aber mal ganz ehrlich: Da kann man der FAZ nun wirklich einen Vorwurf machen? Wer geht denn wegen der Musik auf ein Kylie Minogue Konzert?

Kylie Minogue - in Concert

Der Artikel versucht sich auch noch in einem Vergleich zu Madonna – mag ihn aber scheinbar nicht aussprechen. Liegt es vielleicht daran, dass beide eher beliebige Pop-Musik machen? Dass ihre Musik angesichts des Geschehens auf der Bühne eher nebensächlich ist? Dass Madonna mit religiösen Elementen spielt, während Kylie ihrem (schwulem) Publikum homoerotische Phantasien präsentiert? Dass Madonna ihre Show roboterhaft auf die Bühne bringt, während bei Kylie (zumindest so was ähnliches wie) ein persönlicher Funke überspringt? Dabei hatte es Michael Köhler doch schon erkannt:

Gut möglich, dass Kylie Minogue eines Tages dem Beispiel ihrer Kolleginnen Céline Dion, Bette Midler und Cher (nach Las Vegas) folgt. Ihr Chorus-Girl-Charme könnte sich in der Casino-Metropole optimal entfalten.

Kylie Minogue ist eine Vollblut-Entertainerin mit echter Bühnenpräsenz – im Gegensatz zu Madonna, die ein Konzert emotionslos wie ein Fitness-Programm ableistet.

Oops, das hört sich fast so an, als wäre ich ein ausgewachsener Kylie Minogue Fan wäre. Bin ich aber nicht, ich schau mir nur gern ihre DVDs an ;-)

PS: Ich habe auch noch den interessanten Blog-Eintrag „Geiz ist tot. Wirklich?“ gefunden, der kritisch Kylie Minogues Zusammenarbeit mit Saturn hinterfragt: pro verkaufter Kylie-CD oder DVD spendet Saturn in den nächsten 24 Monaten einen Euro an die Krebshilfe. Saturn möchte mit dieser PR-Maßnahme künftig seine Marke nachhaltig mit aktiver Gesundheitsförderung verknüpfen. Ob das mit dem Link Krebspatientin – Popmusik – Elektromarkt klappt?

Anmerkung: Ich danke unserem Nachbarn Didi für die Inspiration zu diesem Eintrag; das Foto von Kylie Minogue entstammt dem Flickr-Album von Tracy Misso und steht unter der Creative-Commons-Linzenz.