Seit einigen Tagen bin ich wieder extrem schlapp und komme kaum aus dem Bett heraus. Etwa 400 m Fußweg aus dem Holzhausenpark zur Wohnung und das anschließend Treppensteigen haben mich am Freitag umgenietet. Es hilft nichts - ich brauche wieder Blut!

Die Ironie in der ganzen Situation: ich gehöre zu einer ‘Risikogruppe’ und darf deshalb weder Blut noch Plasma, Knochenmark, Organe, Sperma, etc. spenden. Geregelt ist dies im Transfusionsgesetz und den dazugehörigen Richtlinien vom Paul-Ehrlich-Institut in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer.
Entsprechend der letzten “Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie) gemäß §§ 12 und 18 des Transfusionsgesetzes (Novelle 2005)” vom 05.11.2005 sind in Deutschland
Personen, deren Sexualverhalten oder Lebensumstände ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten (HBV, HCV oder HIV) bergen
von der Blutspende ausgeschlossen. In einer Fußnote wird noch klargestellt, wer ein deutlich erhöhtes Risiko hat:
z. B. homo- und bisexuelle Männer, Drogenabhängige, männliche und weibliche Prostituierte, Häftlinge
Da es den meisten Angehörigen einer ‘Risikogruppe’ nicht auf der Stirn geschrieben steht, dass sie von der Blutspende ausgeschlossen sind, gibt es eine freiwillige Selbstauskunft. Zur wahrheitsgemäßen Auskunft wird da niemand gezwungen. Schon seit Jahren werden die Blutspenden aber auch mit dem PCR-Test untersucht, mit dem eine Hepatitis/HIV-Infektion schon nach wenigen Tagen festgestellt werden kann. Ich persönlich kenne eine ganze Reihe von Schwulen, die das Blutspenden als regelmäßigen und kostenlosen HIV, Hepatitis und Syphilis-Test nutzen. Und ich bin Ihnen dankbar für Ihr ‘Risiko-Blut’.

Warum dieser ganze Sermon? Ich habe mich über den Eintrag “Schwules Blut tut nicht gut” im Blog ‘Gay West’ geärgert. Der Beitrag erweckte den Eindruck, dass nur in Polen Schwule von der Blutspende ausgeschlossen wären. Und zwar nicht aus medizinischen Gründen:
Man könnte natürlich annehmen, es gehe dem polnischen Gesundheitsministerium gar nicht so sehr darum, Infektionen auszuschließen. Womöglich fühlen sich die Verantwortlichen unseres östlichen Nachbarn einfach nur nicht wohl mit der Tatsache, dass stramme polnische Heteros zukünftig mit schwulem Blut rumlaufen müssen. Denn wer weiß schon, ob man von schwulem Spenderblut nicht selber schwul wird?
Das Schwule auch in Deutschland von der Blutspende seit Jahren ausgeschlossen sind, wurde mittlerweile durch zahlreiche Kommentare zu dem Blog-Eintrag richtig gestellt; in einer Anmerkung ergänzt der Blogger dazu:
“Der Beitrag ist eine Anklageschrift gegen eine absurde Praxis, darauf ausgerichtet zu beschämen und durchaus auch um zu provozieren. Polen diente dabei als Aufhänger. Das war zumindest meine Intention. Und es hat funktioniert. Man redet wieder über den Blutspende-Bann.”
Achso, das war also nur Polemik? Ein bisschen Polen-Bashing um eine Diskriminierung gegen Schwule aufzudecken. Nee, schon klar.

Kleines Update: Ich habe zu dem Thema ‘Schwule dürfen kein Blut spenden’ noch ein wenig recherchiert. Wenn man dem FOCUS Glauben schenken mag, sind auch die Blutspendedienste von dem kategorischen Ausschlusss von Schwulen nicht mehr überzeugt:
“Wir setzen nur um, was der Gesetzgeber vorschreibt”, erklärt dazu Lübbo Roewer, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuz, gegnüber FOCUS Online. Und das ist in diesem Falle das Transfusionsgesetz. Es soll den Empfängern einer Blutspende größtmögliche Sicherheit garantieren.
Das scheint zu funktionieren: Tatsächlich ist das Risiko, sich an gespendetem Blut mit HIV anzustecken, verschwindend gering: „Es liegt bei eins zu 1,5 Millionen - die Gefahr, dass einem die Decke auf den Kopf fällt, ist größer”, so Lübbo Roewer.
Das garantieren aber nicht die strengen Auswahlkriterien für Spender, sondern die modernen Testverfahren, die HI-Viren zuverlässig aufspüren. Denn die Angaben der Spender zum Sexleben oder Krankheitsgeschichte werden nicht überprüft.
Hat Herr Roewer jetzt gesagt, dass die Selbstauskunft sowieso nicht beachtet wird? Oder dass durch die PCR-Diagnostik eine ausreichende Sicherheit gewährleistet wird?
Übrigens gibt es auch einen Verein, der sich dafür einsetzt, dass Schwule das Recht zu einer lebensrettenden Blutspende und/oder Plasmaspende bekommen - Schwules Blut e.V.
Anmerkung: Das obere Foto mit den Blutspende-Beuteln stammt aus dem Flickr-Album von Montuno, das mittlere Bild mit dem Venenezugang stammt aus dem Flickr-Album von BW Jones, das untere Bild ‘Prima Blut’ stammt aus dem Flickr-Album von Francisca Bravo - alle stehen unter der Creative Commons Lizenz.